Mein erster Marathon

Auch ich habe in meinem Leben zu viele Schokobananen gegessen, zu viel gearbeitet und zu wenig gearbeitet, Gras geraucht und kleinen Kindern das Spielzeug weggenommen. Dann kam Gottes heiliger Tag und damit die Läuterung. Ich stand am Wegesrand, der Himmel war wolkenverhangen, doch plötzlich riss er auf. Ein leiser Wind kam auf. Um mich herum Menschen im Taumel - rufend und wilde Schreie ausstoßend: "Weiter, weiter". War ich in eine Sexorgie auf offener Straße geraten? Nein! Aber Sie ahnen es schon: Im gesegneten Alter von 39 Jahren traf ich das erst Mal auf den Berlin-Marathon. Praktisch unvorbereitet.

Ich bin eine schüchterne Frau. Lautes Rufen und Schreien ist nicht meine Sache. Aber ich war auf der Stelle ergriffen von der Energie des Publikums und dem Energiestrom der Laufenden. Und Männer ohne Ende. Schlank und gut gewachsen. Und alle mit Bestellnummer auf dem Bauch. Also flüsterte ich erstmal leise: "Du schaffst es". Mehr zu mir selbst.

Das wollte ich auch. Eigentlich schon immer. Laufen können ohne Ende, ohne Anstrengung und - Schüchternheit hin oder her - 500.000 Leute die mir dabei zujubeln sind auch nicht zu verachten. Also dankte ich Gott und beschloss ab heute wird alles anders. Und es ward.
Wenn Sie sich für eine neue Sportart entscheiden, denken Sie daran, dass diese auch die Gelegenheit bietet, sich neu einzukleiden. Das mach Spaß und hebt die Motivation gleich ungemein. Man hört ja immer wieder, zum Laufen bräuchte es nur ein paar guter Schuhe. Glauben Sie es nicht! Es gibt auch zum Laufen viele schöne Accessoires. Sommer- und Winterhosen, Tops, Reflektoren, Puls- und Geschwindigkeitsmesser, Stirnbänder, Gürtel mit Trinkflaschen, Mützen, strammsitzende BHs, MP3-Player und satellitengestützte Navigationssysteme. Manches davon mach sogar Sinn.

Also kleidete ich mich erstmal ein. Und trat so - sportlich aufgehübscht - im Lichte herbstlicher Abenddämmerung vor die Haustür. Wild entschlossen zumindest die Togostraße einmal rauf und runter zu schaffen. Um es kurz zu machen: Ich war froh, als es nachher dunkel war und mich niemand mit knallrotem Kopf und keuchend durch den Hausflur stolpern sah.
Diesem ersten Versuch folgten tapfere weitere. Wobei das Laufen gar nicht mal das Anstrengenste war. Verfolgt von höhnischen Blicken, spindeldürrer türkischer Jungen und locker abgehängt von 7- jährigen kleinen schwarzen Mädchen zog ich meine Runden durch den dunklen Wedding. Natürlich kamen auch gleich die Wehwehchen. Das hört übrigens nie auf. Aber sie sind immer ein guter Anzeiger dafür, was Sie falsch machen (zu lange, zu oft, zu schnell gelaufen). Hören Sie unbedingt auf Ihre Wehwehchen, denn wenn Sie es bis zum Marathon schaffen wollen, müssen Sie sie respektieren. Unbedingt. Aber wenn Sie es wirklich schaffen wollen: Auch Anstrengung gehört immer dazu. Fordern Sie sich. Das hört auch niemals auf.

Und so lief ich, zwei Schritte vor und einen zurück, kaufte mir schlaue Lauf-Bücher, aß mit Muschelextrakt gefüllte Pillen, sonnte mich selbstgefällig in der Bewunderung meiner Freunde ob meiner Ambitionen, wartete begierig auf das RunnersHigh und dankte Gott für gesunde Kniegelenke.

Und so wurden aus 400 Metern 4.000 m und genau drei Jahre später kam ... DER GROßE TAG...