Mein erster Marathon

... begann damit, dass ich verschlief und hektisch zum Lehrter Bahnhof eilte. Jeder in der U-Bahn trug einen gelben Meßchip. Am Bahnhof gab es ein merkwürdiges Schauspiel zu sehen: Die riesige Halle war menschenleer, bis auf die Schlange der Läufer, bestehend aus tausenden, die sich langsam, merkwürdig ruhig und diszipliniert auf den einzigen Ausgang zuschob.

Ich bin lässig. Ein ausgelassenes Frühstück hat noch keinem geschadet. Also startete ich frohgemut nach dem Konsum einer Wasserflasche und nur 30-minütiger anschließender Wartezeit vor einem der 20 Klohäuschen für 38.000 Läufer ins große Rennen. Wie es sich gehört, mit der nötigen Ergriffenheit.
Es war warm und sonnig. Bei km 3 wurden Tambourin-schwingende Zuschauer mit Durchhalte-Parolen aus der Läufermasse zu immer ekstatischeren Schlägen angespornt. Alles lief. Das Leben war schön und ich war dabei. Ich redete nicht nur davon. Ich tat es. 20 km - kein Problem, nur die trockne Kehle begleitete mich bis zum Schluss.
Das Publikum ist bei diesem Lauf mindestens genau so wichtig, wie die Läufer. Alles was einen Kochtopf halten konnte, war im Einsatz. Es gab Erstaunliches zu beobachten: z.B. Blickkontakte zwischen Läufer und Zuschauer- sonst nie gewagt, hier ohne Scheu, lange und mit offener Neugier. Der Ausdruck echten Respekts zwischen Fremden, im Bruchteil einer Sekunde ausgesendet und verstanden. Worte, Rufen, Ansporn von Menschen, die sich sonst am liebsten aus dem Wege gehen. Das hat mich sehr beeindruckt und war über die Erfahrung der körperlichen Leistung hinaus, das Beste was dieser Tag zu bieten hatte!

Am Tag zuvor hatten wir das Rennen der Skater gesehen - aus der Publikumsperspektive. Auch hier das Gefühl, daß der Energiestrom der Teilnehmer die Zuschauer (mich) mitreißt und bewegt und umgekehrt.
Strategisch gut geparkte Freunde und Verwandte spendeten alle paar Kilometer Unterstützung. Wer 20 km weit kommt, schafft auch 30 km und dann sind es ja nur noch 12. Die schafft man sowieso. Allerlei fragwürdige Mutmaßungen dieser Art gingen mir durch den Kopf und ich glaubte sie gerne.

Ab km 30 nahm die Zahl der Läufer kontinuierlich ab, dafür stieg die Zahl der Geher und wenn man genau hinsah, konnte man viele Gestalten entdecken, die unauffällig in dunklen U-Bahn-Eingängen verschwanden. Aber ich lief. Mit schweren Beinen zwar und inzwischen etwas unlustig, aber ich lief. Und dann kam der letzte Kilometer. Ich habe ihn genossen. Das Brandenburger Tor in Sicht, immer noch Sonne, tausende Zuschauer links und rechts auf den Tribünen und ICH HATTE ES GESCHAFFT!